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Interview mit Jim Arvanitis

Frage: Du wirst in den Medien als der “Renaissancemann” und “Vater” des modernen Pankration bezeichnet. Wie und warum wurdest Du zu dieser wenig bekannten Kampfkunst hingezogen?

Jim: Ich bin immer ein Sportler und ein Kämpfer gewesen, und ich begann mein Studium der westlichen Kampfsportarten des Boxens und des Ringens schon als kleiner Junge. Später zweigte ich ab in das Auskundschaften asiatischer Kampfkünste. Ich war nicht besonders beeindruckt von ihren Trainingsmethoden, um einen auf realistische Situationen vorzubereiten. Etwa zur selben Zeit beeinflußten meine starken ethnischen Bindungen meine Untersuchungen der Kampfwurzeln meiner Vorfahren. Spartanerblut in meinen Adern fließen zu haben machte mich sehr heißblütig bei dieser Aufgabe. Es dauerte nicht lange für mich, um etwas über Pankration zu lernen. Ich machte es dann zu meinem Lebenswerk, diese antike Kunst bzw. diesen Sport wiederzubeleben, obwohl ich eine Menge an Kritik entlang dieses Weges erhielt. Die meisten von denen aus dem traditionellen Geschäft meinten, ich wäre nur eine vorübergehende Kuriosität. Dies feuerte meinen Ehrgeiz nur noch weiter an.

Frage: Hat es da vor Deinen Anstrengungen, Pankration Ende der 1960er Jahre wiederzubeleben, irgendwelche Befürworter der Kunst in Griechenland oder den Vereinigten Staaten gegeben?

Jim: Bevor ich die alten Konzepte in einer modernen gemischten Kampfkunst wieder aufleben ließ, gab es da meines Wissens nach niemanden, weder von griechischer noch sonstiger Abstammung, der “Pankration” unter dieser Bezeichnung ausübte. Zum größten Teil war der Kampfsport seit mehreren tausend Jahren verschwunden. Obwohl es da Berichten zu Folge zu verschiedenen Zeitpunkten Anstrengungen in Griechenland gegeben hatte, ihn unter einem anderen Namen (z.B. “Clotso”) wieder herzustellen, gibt es keinerlei dokumentierten Beweis dafür, um diese Behauptungen zu belegen. Bis zu meiner bahnbrechenden Titelgeschichte 1973 in der Zeitschrift Black Belt waren Pankration und die hellenistischen Kampfkünste der Antike fragliche Themen.

Frage: Worin unterscheidet sich Deine heutige Version des Pankration von der ursprünglichen Kunst (d.h. welches sind die wichtigsten Unterschiede?).

Jim: Modernes Pankration dient als ein Spiegel der antiken Sportkonzepte, allerdings mit aktualisierter Trainingsmethodik, technischen Fertigkeiten und Wettkampfprotokoll. Es bewahrt die klassischen Fachausdrücke und markeneigenen Techniken (z.B. Klimakrismos, Piheo Anhin, Gastrazein usw.). Die zeitgenössische Version zieht die wirkungsvollsten Kampfelemente aus verschiedenen Quellen heraus, genauso wie das antike Pankration die besten Techniken von den früheren einheimischen Urformen des Boxens (Pyxmachia) und des Ringens (Pale) vermischte. Ich habe versucht, die Reinheit des klassischen Systems zu erhalten, bleibe aber offen dafür, es progressiv mit allem zu ergänzen, was es noch funktionsfähiger und wirkungsvoller als totale Kampfmethode machen würde. Ein weiterer Unterschied ist die Aussprache des Begriffes selbst. Der einheimische griechische Ausdruck ist Pagratio, und ich habe ihn anglisiert zu “Pen-krä-schen”. Der Grund hierfür war, um die Exklusivität meiner Entwicklung zu schützen. Jeder selbsternannte “Pankratiast”, der die letztere Ableitung verwendet, würde unwissentlich einen Produktnamen verwenden, den ich persönlich modifiziert habe.

Frage: Auf welche Art und Weise haben Deine Modifikationen die ursprüngliche Kunst verbessert?

Jim: Mein Ziel war es, das zu einer zusammenhängenden Form des totalen Kampfes wiederaufzubauen, was von dem originalen Pankration übriggeblieben war. Dies wurde erreicht durch intensive Nachforschungen, Lesen und des Überprüfens nicht bloß eines, sondern vieler Stile. Ich habe tatsächlich schon stil- und sportartübergreifend trainiert, bevor dieses Konzept bekannt war. Ich habe wissenschaftliche Übungen eingebaut unter der Verwendung von moderner Ausrüstung und soliden Konditionspraktiken, um die Trainingsmethodik der Kunst weiterzuentwickeln. Durch mein intensives Training in Boxen und Ringen verbesserte ich Bewegung, Verteidigung und Strategien. Ich habe außerdem die Bestandteile der strukturellen Grundlage der Kunst unterteilt in Ano (Stehen) und Kato (Boden) und in die Übergangsprinzipien dabei, den Kampf auf den Boden zu bringen. So weit es die pankrationspezifischen Fertigkeiten betrifft, war mein Studium das der Schlag-, Tritt- und Ringwerkzeuge, die als Kern in der antiken Kunst eingesetzt wurden. Diese können heutzutage sowohl in vielen unterschiedlichen asiatischen Stilen als auch in westlichem Boxen und Ringen gefunden werden. Ich verbesserte dann die Manöver, indem ich Bewegungslehre und Körperdynamik hinzufügte, im Gegensatz zu roher Kraft. Mein Ziel war es, daß diese Bewegungen gegen einen Gegner von jeder Größe und Stärke funktionierten, unabhängig von der eigenen Statur.

Frage: Ist Pankration hauptsächlich ein Sport oder ist es ein wirkungsvolles System zur praktischen Straßenselbstverteidigung? War dies immer der Fall?

Jim: Pankration wird heute sowohl als ein umfassender Kampfsport als auch als ein praktisches, aber brutal wirkungsvolles Mittel zur Selbstverteidigung ausgeübt. Das früheste griechische waffenlose Kämpfen, bezeichnet als Panmachia, wurde in Kriegszeiten perfektioniert und später modifiziert für den Wettkampf. Es gab ein olympisches Format, das jede Offensivtaktik erlaubte mit Ausnahme von Beißen und Stechen in die Augen. Die militaristischen Spartaner allerdings nahmen nicht teil an den panhellenischen Veranstaltungen, sondern stritten ausschließlich in ihren eigenen örtlichen Wettkämpfen. Anders als in der olympischen Variante waren ihre Wettkämpfe Ereignisse, bei denen keine Technik verboten war und zu diesen “Fouls” tatsächlich sogar ermutigt wurde. Man kann also mit Sicherheit sagen, daß der unbewaffnete griechische Kampf ursprünglich vom “Schlachtfeld-Pankration” stammt und später in den Arenen simuliert wurde. Dies war während des Zeitabschnitts, in dem griechischer Wettkampfgeist und Arete (“hervorragende Leistung”) Griechenlands Lebensweise dominierten.

Frage: Worin unterscheidet sich Pankration vom griechisch-römischen Ringen? Wurde diese Form des Ringens aus dem Pankration heraus entwickelt (oder abgeleitet)?

Jim: Pankration ist ein vollständiges System, das sich durch Können im Stand- und im Bodenkampf auszeichnet. Seine Techniken schließen Schläge, Tritte, Ellenbogenschläge, Kniestöße, Clinchen, Zubodenbringen und Würfe, Arm- und Beinhebel und Würgegriffe und Umklammerungen, um zur Aufgabe zu zwingen, ein. Schlagen am Boden wird ebenfalls hervorgehoben. Der gesamt Körper, von Kopf bis Fuß, ist ein Ziel für jeden dieser Angriffe. Griechisch-römisches Ringen ist hauptsächlich ein Ringkampfsport, der Griffe und Würfe oberhalb der Taille erlaubt. Es gibt da kein Schlagen. Wie bei so vielen anderen Kampfmethoden wird angenommen, daß es von dem antiken Pankration hervorgebracht worden sein mag.

Frage: Betrachtest Du Griechenland als den Geburtsort der Kampfkünste und nicht Asien, wie manche glauben?

Jim: Ich behaupte fest, daß Griechenland, nicht Asien, der Geburtsort sowohl der Kampfkünste als auch des Kampfsports ist. Die detaillierten künstlerischen Darstellungen des antiken Griechenlands auf Vasen, Münzen und Fresken, zusammen mit den Schriften der frühesten Poeten und Gelehrten, bezeugen die Kampftechniken, die viele Stile heutzutage anwenden. Es ist außerdem meine Überzeugung, daß Alexander der Große viele dieser Fertigkeiten quer über den Subkontinent während seiner Eroberungen im 4. Jahrhundert vor Christus verbreitet hat. Es gibt da auch einen mythologischen Ursprung. Der Legende nach wurde Pankration erschaffen von den großen Helden Herakles und Theseus, und es gibt Aufzeichnungen, die seine Ausübung mehrere hundert Jahre vor seiner Aufnahme in die 33. Olympischen Spiele von 648 vor Christus belegen.

Frage: Hast Du Pankration mit Schulen oder einzelnen Praktikern der asiatischen Kampfkünste geteilt?

Jim: In meinen mehr als 35 Jahren des Entwickelns und Unterrichtens des modernen Pankration habe ich eine Anzahl von Schülern aus Karate, Kung Fu und anderen asiatischen Stilen bei uns zum Lernen gehabt. Entweder ich oder meine zertifizierten Paidotribes (Trainer) haben Seminare rund um die Welt abgehalten und unser Wissen mitgeteilt. Obwohl es viele gibt, die daran interessiert sind, vielseitigere Kämpfer entweder für Wettkämpfe oder für geradlinige Selbstverteidigung zu werden, gibt es auch eine Hardcore-Anhängerschaft, deren Interesse mehr in die Philosophie, Geschichte und Kultur dieses faszinierenden griechischen Erbes geht.

Frage: Auf welche Art und Weise glaubst Du ist Pankration (als eine Kampfform) den verschiedenen asiatischen Systemen gegenüber überlegen?

Jim: Ich denke, daß alle Systeme, unabhängig von der Kultur, von der sie abgeleitet sind, etwas für jedermann zu bieten haben. Pankration ist eine westliche Kampfkunst. Es ist nicht durchtränkt mit nichtkämpferischen Übungen, wie beispielsweise Bretter- oder Ziegelzerschlagen oder vorgegebenen Formen. Es bietet seinen Schülern die Fähigkeit, den Kampf von allen möglichen Winkeln aus zu sehen, stehend oder auf dem Boden. Anpassungsfähigkeit an jede Situation im Gegensatz zu eingeprägter Antwort wird betont, was typisch ist für die “Versuchs-und-Irrtums”-Vorgehensweise des westlichen Lernprozesses. Die Nützlichkeit einer Technik, anstatt perfekte Form, ist der Schlüssel für ihre Wirksamkeit unter realistischen Bedingungen. Basierend auf solider Körpermechanik sind die Werkzeuge weder protzig noch komplex, sondern dazu entwickelt, um brutal wirkungsvoll zu sein. Das Hauptziel dieser Kunst ist es, dem Gegner den maximalen Schaden zuzufügen, während man minimale Anstrengung und Energie aufwendet. Mit anderen Worten: Pankration, anders als asiatische Stile, geht einen direkteren Weg zum Herz des Kampfes und setzt alle Mittel und Wege ein, um diesem Zweck zu dienen.

Frage: Nehmen Praktiker des Pankration an Turnieren teil? Falls ja, werden diese Veranstaltungen innerhalb der Vereinigten Staaten oder international abgehalten?

Jim: Es gibt MMA (Mixed Martial Arts) und Turniere mit eingeschränkten Regeln, die in vielen Teilen der Welt unter dem Begriff Pankration beworben werden. Während einige Wettkämpfer die verschiedenen Systeme auflisten, die sie trainiert haben, behaupten andere, daß sie Pankratiasten sind. Schüler unserer eigenen Palaestrai (Schulen) und verbundener Gruppen haben an vielen Veranstaltungsorten sowohl hier als auch international teilgenommen.

Frage: Ist die Kunst in bestimmten Regionen der Vereinigten Staaten oder in bestimmten Ländern beliebter?

Jim: Modernes Pankration wurde 1968 in den Vereinigten Staaten eingeführt und blieb bis Mitte der 1990er Jahre eine exklusive Kunst. Griechenland fing dann an, den Begriff für seine gemischten Kampfkünste zu verwenden, genauso wie Frankreich, Litauen, Spanien und manche anderen Teile Europas. Es ist in den europäischen Ländern extrem populär geworden und wächst auch in Amerika gut.

Frage: Wie viele Pankration-Schulen gibt es?

Jim: Pankration-Schulen scheinen überall aus dem Boden zu schießen, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen Teilen der Welt. Ich bin mir nicht sicher über die genaue Anzahl, obwohl unsere Palaestrai am längsten existiert haben. Ich öffnete meine erste Schule 1971 unter dem Namen Spartan Academy. Sie ist seit dem gleichbedeutend gewesen mit Pankration und hellenistischer Kampfkunst. Viele dieser “anderen” Schulen, die vorgeben, daß sie Pankration unterrichten, sind jedoch nicht echt. Sie haben noch immer japanische Schriften aufgehängt, und Schüler tragen karateartige Gis. Eine wahre Pankration-Palaestra wird ihre Wände mit griechischen künstlerischen Darstellungen schmücken, und Schüler werden in allem anderen gekleidet sein, bloß nicht in traditionellen Gewändern.

Frage: Es gibt da draußen heute eine Handvoll von Pankration-Verbänden. Arbeitest Du mit irgendeinem von diesen zusammen?

Jim: Ich habe seit den 1980er Jahren meine eigene Elite-Organisation, die United Pankration Allicance (UPA). Wir bieten spezialisiertes Training und Lehrgänge an, eine komplette Produktreihe, und Vertragsschulmitgliedschaften. Unser Zweck ist es, die Kampfkunstgemeinde über die Geschichte und Entwicklung von Griechenlands Erbe zu unterrichten. Unser Webseitenportal dient als die führende Quelle für Pankration und hellenistischen Kampf. Ich habe in der Vergangenheit mit einigen der neugegründeten Verbände zusammengearbeitet und fahre damit fort, als ein Sonderberater und Ratgeber zu dienen. Ich bin allerdings vorsichtig dabei, mit wem ich heutzutage umgehe, da ich herausgefunden habe, daß viele unehrlich sind und sich wenig um Ehre und Anstand scheren.

Frage: Wie ist der Status, Pankration als ein olympisches Ereignis einzubringen?

Jim: Trotz der Anstrengungen vor einigen Jahren wurde Pankration der Eintritt bei den Olypischen Spielen 2004 in Athen in Griechenland durch das Internationale Olympische Komitee verweigert. Die Bewegung, angeführt von griechischen Karatestilisten und den von ihnen gewählten Vertretern aus verschiedenen Ländern, war schlecht organisiert, und es mangelte ihr an einem starken Gefühl für Einheit. Solange keine selbstlosere Einstellung vorherrscht, ist es zweifelhaft, daß Pankration jemals wieder Teil der Olympiade sein wird. Zu viele scheinen eher persönlichen Ruhm und Ehre zu suchen anstatt wahre Leidenschaft für die Kunst auszudrücken.


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