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Interview mit Tony Cecchine

Frage: Tony, Du wirst weitgehend als der weltweit führende Experte für das Catch-As-Catch-Can Wrestling angesehen. Könntest Du uns ein wenig über seine Geschichte und seine Entwicklung erzählen?

Tony: Catch Wrestling hat für mich eine faszinierende Geschichte in diesem Land. Ringen im allgemeinen war üblich unter den Farmern und der Landbevölkerung. George Washington, Abraham Lincoln und andere berühmte Leute sind alle Ringer gewesen. Um das Ende des 19. Jahrhunderts herum begann Catch Wrestling Fahrt aufzunehmen. Angeführt von Leuten wie Tom Jenkins (der später an der US-Militärakademie von West Point als Trainer arbeitete), George Bothner, Farmer Burns, Dan McCleod und anderen, ersetzte dieser Stil nach und nach das griechisch-römische Ringen als Hauptveranstaltung für Wettkämpfe. Submissions (Griffe für das Zwingen zur Aufgabe) waren erlaubt, und der Stil war offener als Griechisch-Römisch und andere örtliche Stile, die zu der damaligen Zeit vorherrschend waren. Viele großartige Ringer durchreisten das Land und rangen mit allen jungen Talenten und Herausforderern auf Volksfesten, Jahrmärkten und Zusammenkünften. Farmer Burns, Frank Gotch, Ed Lewis, sie alle waren Jahrmarktsringer und bekamen ihre Zähne davon, das ortsansässige Rudel auszutesten.
Traurigerweise wurde das Profiwrestling, als sich die Zeit weiter voran bewegte, immer mehr zu so etwas wie einer Zirkuskuriositätenschau, und seine besten Bestandteile stiegen ab zu gelegentlichen Trainingseinheiten im Gym oder zu privaten Angelegenheiten. Es wurde zur Unterhaltung und war nicht mehr länger ein Wettkampf oder eine Kampfkunst.

Frage: Was weckte anfangs Dein Interesse am Catch Wrestling? Wie sah Dein frühes Training unter Stanley Radwan aus?

Tony: Mein Interesse wurde geweckt, als Mr. Radwan die Wirksamkeit des Catch Wrestling an einem allwissenden, klugscheißerischen dreizehn Jahre alten Jungen demonstrierte. Ich kannte ihn immer als einen Kraftathleten (er durchreiste die Welt und führte Kraftakte in Shows vor), aber habe mir niemals klargemacht, dass er ein Ringer war. Trotzdem dachte ich 1977 als 13-Jähriger, dass nur Kampfkünste die “wahre Sache” sind. Ich hatte geboxt und etwas an Kampfkünsten gemacht. Deshalb dachte ich, ich brauche nicht zu ringen. Ein Tritt von mir, ein Zehengriff von ihm, das zeigte mir schnell den Fehler meiner Denkweise auf.
Das Training war ehrlich gesagt sehr brutal, aber ich wollte es nicht anders haben. Weil es da keine Catch Wrestling-Wettkämpfe gab, war mein Training zu 100 Prozent Straßenkampfstil. Augenstiche, Beißen, Reißen, Einkrallen, Waffen usw. Alles war erlaubt. Es war das realistischste Training, dem ich jemals begegnet bin. Seine erste Ansatzlinie war, mich stärker zu machen. Also machte ich viele Übungen und stemmte Gewichte. Dann breitete er schrittweise die solide Grundlage derjenigen Ringerfertigkeiten aus, die notwendig waren. Es machte mich sowohl mental als auch körperlich hart. Ich wusste immer, dass nichts, was mir begegnen könnte, so schmerzvoll sein würde wie meine Zeit auf der Matte. Aber noch wichtiger war, dass es mir die Wichtigkeit des Ausharrens und Durchhaltens beibrachte. Mir wurde nicht erlaubt, eine Übung zwanzig Mal zu machen. Es musste in die Tausende gehen, bevor mir erlaubt war, weiter voran zu schreiten. Manchmal vergingen Wochen, in denen ich nichts anderes machte als eine einzelne Bewegung. Aber so ist das Leben. Du hörst niemals damit auf, zu lernen, und Du kannst immer das verbessern, was Du bereits kennst.
Die negative Seite davon (für meine Ringer) ist, dass es mich zu einem “harten Coach” gemacht hat. Ich vertrage das Nachlässigwerden bei meinen Schülern nicht besonders gut. Ich verlange 100 Prozent Anstrengung. Sie mögen mich, sobald das Training vorbei ist... (lacht).

Frage: Du wurdest auch von dem großartigen Lou Thesz trainiert. Könntest Du uns ein wenig über ihn und seine Konditionsmethoden erzählen?

Tony: Lou war ganz einfach einer der großartigsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Ich vermisse ihn sehr. Er sprach leise, aber war ungemein wissensreich. Als er mich als einen “Hooker” titulierte, war es der Höhepunkt in meinem Leben. Für diejenigen, die nicht wissen, was das bedeutet oder die denken, sie können mich für eine Stunde kaufen: Es ist das höchste Niveau, das Du beim Wrestling erreichen kannst. Es bezeichnet einen Mann, der vollständig sicher in der Anwendung von “Hooks” ist, welches verkrüppelnde Submissionsgriffe sind. Ich betrachte es auf diese Weise: Es gibt da vielleicht Tausende von lebenden Sportlern, die Schwarzgurte in den Kampfkünsten sind, aber Du kannst die Anzahl der Hooker an den Fingern einer Hand abzählen. Das ist der Grund dafür, warum es mir so viel bedeutet. Wie Lou mir sagte: “Willkommen im exklusivsten Club der Welt.”
Als wir das letzte Mal zusammen gewesen sind, stemmten wir Gewichte im Trainingsraum seiner Eigentumswohnung. Er war stark und geschmeidig zur selben Zeit. Er empfahl immer Gewichttraining zusätzlich zu Körpergewichtsübungen. Er spielte als junger Ringer auch viel Handball, und das half seiner Atmung und Ausdauer. Denk daran, dass Du nur eine bestimmte Menge an Zeit pro Tag hast, um zu trainieren. Damals in seinen Tagen verbrachten die Ringer viele Stunden auf der Straße zu ihrer nächsten Ringkampfveranstaltung fahrend. Sie mussten lernen, wie sie Trainingsprogramme improvisieren. Niemand konnte sich zwei Stunden lang täglich den Konditionsübungen widmen. Selbstverständlich hatte jeder Ringer seine Besonderheit, und jeder hatte seine Lieblingsübungen, die er machte. Es gab da keine für alle gleichgefärbte Vorgehensweise. Einige Übungen wie beispielsweise die Ringerbrücke wurden universell eingesetzt, aber damals wie heute gab ihnen jeder seinen eigenen Anstrich. Solange Du Dich verbessertest, machtest Du etwas richtig.
Meine Vorgehensweise ist, die Hauptmuskelgruppen zu bearbeiten und sowohl am Ziehen als auch am Drücken zu arbeiten. Der Großteil des Catch Wrestlings findet auf der Matte statt. Deshalb hast Du besser einen guten Oberkörper. Es zählt nicht, ob Du 450 Kilo in der Kniebeuge schaffst. Wenn Du erst einmal von Deinen Füßen geholt wirst, ist es eine ganz andere Geschichte.

Frage: Eine Sache, die mir beim Catch Wrestling ganz besonders aufgefallen ist, ist die, dass es sehr beliebt war bei den alten Kraftathleten. Was fügte das Catch Wrestling zum Repertoire der alten Kraftmänner hinzu, von denen die meisten in vielen Sportarten außerhalb des Gewichthebens talentiert waren?

Tony: Ich denke, es fügte sowohl einen Sinn für Sportsgeist oder Herausforderung hinzu als auch eine hervorragende Quelle für das Bearbeiten der Muskeln des Körpers. Auf der Welt gab es zur damaligen Zeit nicht viele Berufssportarten, vielleicht nur Baseball und Boxen. Dies war eine großartige Möglichkeit für die Männer, um in einer Umgebung wettkampffähig zu sein, die Fitness zu schätzen wusste. Die Liste der Gewichtheber, die rangen und der Ringer, die Gewichte hoben ist eine lange Liste. George Hackenschmidt mag der berühmteste sein, aber Männer wie Eugene Sandow, Louis Cyr, Milo Steinborn, selbst Arthur Saxon versuchten sich alle im Ringen. Mir ist gesagt worden, dass auch Hermann Görner gerungen hat. Das Ringen gab ihnen Geschmeidigkeit und erhöhte (hoffentlich) ihre Herzkreislaufleistung. Außerdem versetzte es sie in die Lage, das Wissen von Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu sammeln. Das kann eine herausragende Gelegenheit sein, um Wissen zu gewinnen.

Frage: Ich habe gehört, dass Du kürzlich Kugelhanteln und Keulen (Kettlebells bzw. Clubbells) zu Deinem Trainingsplan hinzugefügt hast. Was hältst Du bis jetzt von ihnen? Wie denkst Du wirst Du sie in Dein Gesamttrainingsprogramm einbauen?

Tony: Nun, ich habe als junger Mann indische Keulen benutzt, also ist das Konzept für mich nicht neu. Ich hatte niemals Zugang zu Kugelhanteln, also ist das eine neue Hinzunahme. Die Keulen sind besonders lohnend, weil sie Schultergürtel, Handgelenke, Unterarme usw. verbessern. Es funktioniert in einer Art und Weise, die Muskeln zu bearbeiten, die in meinem Stil des Ringens üblicherweise benutzt werden.
Kugelhanteln helfen der Explosivität, was großartig ist und benötigt wird. Beide Gegenstände sollten zu Deinem Trainingsprogramm hinzugefügt werden. Sie mit einem soliden Hanteltrainingsprogramm zu verbinden (ich bin ein begeisterter Kraftdreikämpfer) und das gelegentliche Programm mit Körpergewichtsübungen wird Dir mit Sicherheit genügend Material geben, um Dich beschäftigt sein zu lassen.
Konzentriere Dich nur immer auf den naheliegenden Punkt. Falls Du es verwenden möchtest, um ein besserer Ringer zu werden, dann ist das gut. Lass nur nicht irgend etwas Dein Ringkampftraining beeinträchtigen. Ganz egal, wie fit Du bist, Du musst trotzdem noch immer Techniken kennen. Falls das nicht der Fall sein würde, dann würde Jack LaLanne der härteste Mann sein, der jemals gelebt hat.

Frage: Was hältst Du von der in letzter Zeit wachsenden Beliebtheit der Mixed Martial Arts? Wo siehst Du sie als Sport sich hinbewegen?

Tony: Schwierige Frage. Ich bin niemals besonders gut darin gewesen, einen Trend vorauszusagen. Zur Zeit bin ich mir nicht sicher, wie populär der Sport wirklich ist. Es ist schwierig für mich, dies einzuschätzen. Deshalb ist es schwer für mich, irgendwelche Schlussfolgerungen für seine Zukunft zu ziehen. Die Athleten, die in diesen Veranstaltungen wettstreiten, lieben mit Sicherheit den Sport. Das ist ein großartiges Zeichen. Ich hoffe, Politik (innerhalb und außerhalb) wird nicht die Hauptquelle des Kämpfens. Lasst die Kämpfer sich darum kümmern.

Frage: Eine der interessantesten Herausforderungen der Mixed Martial Arts ist, dass es da so viele Variablen gibt, für die eine Person trainieren muss, um sie zu überwinden. Wie ist Deine Vorgehensweise beim Training eines vielseitigen Kampfathleten?

Tony: Als allererstes musst Du die Grundlagen ERLERNEN. Zu viele Leuten möchten all diese Techniken kennen, und am Ende werden sie schlecht in dem, was sie zu tun versuchen. Um sich zu entwickeln braucht es Zeit. Nichts kommt einfach und von alleine. Schau Dir Weltklasseathleten in anderen Sportarten an. Es erforderte Jahre für sie, um sich in einer Struktur zu entwickeln, die ihnen angemessene Trainer, Wettkämpfe und Unterstützung gab. Der Fundus an Talenten ist in anderen Sportarten auch viel größer.
Als Trainer versuche ich, jeden Athleten als ein Individuum anzusehen und seine Stärken und Schwächen einzuschätzen. Ich muss das Beste aus ihnen herausbringen und nicht sie zu Klonen von mir selbst oder von irgend jemand anderem machen. Wir alle sind Individuen und handeln und reagieren deshalb unterschiedlich. Ich würde Dich höchstwahrscheinlich anders trainieren als Deinen besten Freund.
Meine anfänglichen Anstrengungen neigen dazu, zu sehen, aus welchem Holz Du körperlich und geistig geschnitzt bist. Ohne Zweifel ist die mentale Konditionierung die wichtigste Eigenschaft. Du musst mental stark, hingebungsvoll und konzentriert sein. Es ist mir egal, wie großartig Du vom Technikstandpunkt aus bist; alles fängt als ein Gedanke in Deinem Kopf an. Hier ist es, wo ich mit meinem Training beginne.
Von dort aus versuche ich, Dich zu sezieren und einen Spielplan vorzubereiten, der darauf basiert, wie viel Zeit mir zur Verfügung steht. Ich versuche, Dein derzeitiges Wissen zu verfestigen, bevor Du mit irgendwelchen neuen Studien anfängst. Manchmal ist es nur eine Frage des Verstärkens der Grundlagen oder ihnen zu zeigen, wie sie ihre Techniken steigern können, um sie wirkungsvoller zu machen. Wenn wir dann mehr Zeit haben, kann ich wirklich richtig damit anfangen, ihnen das Catch Wrestling beizubringen. Es ist nicht etwas, das Du in ein oder zwei Wochen erlernen kannst. Es ist ein Engagement.


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