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Interview mit Loren W. Christensen

Frage: Wie hast Du mit dem Training der Kampfkünste angefangen?

Loren: 1965, als ich 19 Jahre alt war, brach ich mir mein Kreuz bei einem Kraftdreikampf-Wettkampf und mußte eine Rückenstütze tragen. Während ich nach etwas Ausschau hielt, um meine Energie daran zu verbrauchen, da ich nicht mehr Gewichte heben konnte, hörte ich von dieser neuen und mystischen Sache namens “Karate”. Ich fand eine Schule ein paar Meilen von meiner Heimatstadt Portland in Oregon entfernt, rief einen Kumpel an, und wir gingen los, um es uns anzuschauen. Wie ich im Fighter’s Fact Book angemerkt habe, wurde ich in dem Augenblick, in dem ich die große Trainingshalle betrat, süchtig.
Aber die Rückenverletzung erschuf ein ernsthaftes Hindernis: Ich konnte kaum meine Beine anheben wegen des intensiven Schmerzes und der Verwachsungen, die meine Wirbelsäule versteift und zu ihrem Alter 80 Jahre hinzugefügt hatten. Durch eine Menge an harter Arbeit, Hingabe, Schmerz und auf die Zähne beißen verwandelte ich mich schließlich in den mittelmäßigen Treter, der ich auch heute noch bin.

Frage: Könntest Du über die unterschiedlichen Stile sprechen, die Du trainierst bzw. trainiert hast?

Loren: Ich fing mit einem koreanischen Stil namens Kong Su an, der sich über die Jahre hinweg weiterentwickelte zu Wu Ying Mun, einer umfassenden und ungewöhnlichen Mischung aus harten koreanischen und weichen Kung Fu-Techniken, mit einer allgemeinen Betonung auf Tunierwettkampf. Um 1975 erweiterte ich mein Training, um Hung Gar Kung Fu, Tai Chi, Arnis, Kenpo Jujitsu und Polizei-Verteidigungstaktiken einzuschließen. Ich trainierte auch ein wenig Shotokan in der U.S. Army.
Über die Jahre hinweg habe ich mit Bruce Terrill, Leonard Trigg, Remy Presas, Tim Delgmann und Rick Alamany trainiert, und ich habe an Seminaren mit solch großartigen Kämpfern wie Wally Jay, Joe Lewis, Chuck Norris und vielen anderen teilgenommen.
Was ich versucht habe, mit all diesen Lernerfahrungen zu machen, ist, Informationen herauszufinden, die auf den gemeinen Straßen nützlich sind; einem Ort, an dem ich als Soldat und als Cop über 29 Jahre lang gearbeitet habe.

Frage: Kannst Du uns einen Überblick über Deine Laufbahn beim Militär und als Polizeibeamter geben?

Loren: Ich verbrachte drei Jahre in der U.S. Army als Militärpolizist in den Vereinigten Staaten und in Vietnam. In den Staaten arbeitete ich mit einem Wachhund in den Florida Keys und ging Streife, um nach Kubanern Ausschau zu halten. In Saigon in Vietnam fuhr  ich auf Streife in einem Jeep und ging Fußstreife im Revier.
Als Polizeibeamter in Portland in Oregon arbeitete ich auf Streife, mit Straßengangs, als verdeckter Ermittler, Personenschützer und als Ausbilder für Verteidigungstaktiken.

Frage: Was ist im Augenblick Deine Hauptbeschäftigung?

Loren: Ich bin ein hauptberuflicher Schriftsteller und Herausgeber: Zeitschriftenartikel, Bücher, und ich gebe eine große Polizeizeitung heraus. Ich unterrichte außerdem eine Handvoll Leute in meiner Mischung der Kampfkünste und führe gelegentliche Unterrichte für verschiedene Organisationen über Verteidigungstaktiken und verbale Verteidigung durch.

Frage: Wie sieht ein typischer Tag in Deinem Leben aus?

Loren: Ich stehe um 5:30 Uhr auf (ich leide an chronischer Schlaflosigkeit), und fange an zu schreiben. Ich mache für einen Augenblick eine Pause, um meine Familie zu verabschieden, wenn sie zur Arbeit und zur Schule geht, und dann bearbeitete ich wirklich so richtig die alten Tasten bis um 15 Uhr. An einigen Tagen muß ich zu Fotoaufnahmen und Interviews für eine Zeitung, die ich herausgebe, gehen. An Abenden gebe ich meine Unterrichte.

Frage: Du hast als Polizeibeamter während Deiner Laufbahn im “Elendsviertel“ gearbeitet. Könntest Du beschreiben, wie ein typischer Arbeitstag ablief?

Loren: Das Elendsviertel ist ein schnell aussterbender Ort, obwohl es da ein paar Städte geben mag, in denen es noch vorhanden ist. Es ist ein Ort, an dem Säufer, Drogensüchtige, Obdachlose, Durchreisende, Diebe, Mörder und Geisteskranke in einem buchstäblichen Aufruhr an Ärger aneinander geraten
Während seiner Blütezeit in Portland (die etwa 25 Jahre andauerte) war es wie eine gesetzlose Wildwest-Stadt in den Cowboytagen. Für einen Kampfkünstler war es ein großartiger Ort, um Techniken auszuprobieren. In manchen Nächten hatte ich bis zu einem halben Dutzend Kneipenschlägereien. Bei dieser Menge war es ein schneller Unterricht, um zu erlernen, was funktionierte und was nicht.
Ich erhielt die üblichen verstauchten Finger und verrenkten Rücken während meiner Jahre im Elendsviertel, aber es war ein gerissener Brustmuskel, den ich bekam, als ich mit einem Typ kämpfte, der mit einem Eispickel bewaffnet war, der meine Turnierkarriere beendete (Anmerkung: Loren hat ein hervorragendes Buch namens Skid Row Beat zu diesem Thema geschrieben).

Frage: Gibt es irgendwelche Ratschläge, die Du einem neuen Polizeibeamten, der anfängt, in den schlimmen Teilen der Stadt zu arbeiten, geben könntest?

Loren: Ich fing in einem wirklich rauhen Teil der Stadt an, und ich erinnere mich daran, meinen Ausbilder in dieser ersten Nacht gefragt zu haben: “Sollte ich nicht etwas langsamer eingearbeitet werden?”
Obwohl es außergewöhnlich stressig war, empfehle ich es sehr. Als ich nach drei Monaten turnusmäßig in einen anderen Teil der Stadt versetzt wurde, verließ ich diesen mit einer Erfahrung, die der von einem Jahr auf der Straße in ruhigeren Gegenden gleichkam.
Mein Ratschlag ist dieser: Sei Dir bewußt darüber, daß Du Angst haben, überwältigt sein und Dich manchmal so fühlen wirst, als ob Du den falschen Beruf gewählt hast. Aber wisse auch, daß Du einen Magister in menschlicher Beschaffenheit erreichen wirst, und Du wirst schneller ein besserer Cop werden als diejenigen, die in schläfrigen Nachbarschaften eingeteilt sind.

Frage: Du warst ein Militärpolizist in Vietnam und schriebst darüber, wie Deine Erfahrung dort Deine Anschauung der Kampfkünste und der Selbstverteidigung verändert hat. Könntest Du uns etwas mehr darüber erzählen?

Loren: Als ich nach Vietnam ging, hatte ich einen Braungurt in Kong Su Do, einer traditionellen koreanischen Kunst, die fast so aussieht wie japanisches Shotokan. Heutzutage bezeichne ich es als Roboterkämpfen, weil es genau das ist, wie es aussieht. Es funktioniert großartig gegen andere Roboterkämpfer, aber es ist nicht wirkungsvoll gegen Leute, die betrunken, unter Drogen, wütend, wild, unberechenbar und unorthodox sind.
Als ich nach Hause kam, fing ich an, die realistische Seite der Kampfkünste zu erforschen, was ich bis heute fortführe.

Frage: Wenn Du Dir die Art und Weise anschaust, in der sich die Kampfkünste weiterentwickelt haben seit damals, als Du zu trainieren anfingst, was siehst Du dann als die bemerkenswertesten Unterschiede an?

Loren: Ich sehe Extreme an beiden Enden des Spektrums. Ich denke, Turniere haben sich zu totalem Mumpitz und einer Peinlichkeit entwickelt. Damals in den 1960er Jahren waren Turniere oft brutale Blutbäder, die manchmal in Rassengewalt, Saalschlachten in der Zuschauermenge und ernsthaften körperlichen Verletzungen ausbrachen. Lies in einigen der alten Karatezeitschriften über Darstellungen von diesen Ereignissen nach, und Du wirst sehen, was ich meine.
War dies eine gute Sache für das Karate? Natürlich nicht. Turniere steckten damals in ihren Kinderschuhen, Schutzausrüstung tauchte gerade erst in der Szene auf, Regeln wurden weitläufig oder überhaupt nicht durchgesetzt, und Spannungen waren hoch als ein Ergebnis von kulturellen Ereignissen – dem Vietnamkrieg, politischen Unruhen, Rassengewalt.
Was über die Jahre hinweg passiert ist, ist, daß Turniere sich zu einer neuen Sache entwickelt haben. Kata-Wettkämpfe sehen jetzt so aus wie eine Bodenturnübung mit einem Faustschlag hier und einem Radschlagen dort. Oh, und vergiß auch nicht diese tollen Saltos.
Einige Leute genießen dies offensichtlich und verbringen eine Menge Zeit damit, ihre Formen zu perfektionieren. Das ist fein, aber es ist nichts für mich, und es ist auf jeden Fall nichts für jemand, der darauf hin trainieren möchte, eine gewalttätige Straßenbegegnung zu überleben.
In der Kampfarena wirst Du ein paar Techniken finden, die explosiv, schnell und stark sind. Aber es gibt da viel mehr von diesen “Häschenklapsen” – Techniken, die einen Straßenangreifer Tränen lachen lassen würden, während er den Kopf des Kämpfers abreißt, der sie einsetzt. Traurigerweise erzielen diese Patschhändchenschläge Punkte, wodurch sie den Kämpfer in dem Glauben lassen, daß diese Techniken wirkungsvoll sind.
Der Schlußpunkt bei Turnierwettkämpfen ist, daß sie okay sind, falls diejenigen, die daran beteiligt sind, sie als das sehen, was sie sind: Kampfspielen, das entfernt verwandt ist mit dem realen Kämpfen, falls überhaupt. Das Problem ist, daß die meisten Wettkämpfer glauben, daß diese eingesprungenen Rückfaustschläge und Sprungtritte sie auf der Straße retten werden.
Abgesehen von den Turnieren ist der gegenwärtige Trend hin zu straßenrealistischen Kampfkünsten eine gute Sache, aber selbst hierbei müssen wir vorsichtig sein. Obwohl es da einige großartige Lehrer und Autoren gibt, die das Wort über realistisches Training verbreiten, gibt es da andere, die keine Ahnung von realem Kämpfen haben, obwohl dies sie nicht davon abhält, zu behaupten, daß sie sie haben.
Ein Hauptbeispiel sind einige Geschichten der Fernsehnachrichten über Kampfkunstlehrer, die Flugbegleitern, Piloten und Militärangehörigen, die nach dem 11. September zur Flugplatzsicherung eingeteilt sind, “realistisches Kämpfen” unterrichten. Einiges von dem, was ich in diesen Berichten gesehen habe, war traurig, ganz zu schweigen davon, unbehaglich, wenn Du in Betracht ziehst, daß die Schüler aus ihren kurzen Trainingsunterrichten mit der Selbstsicherheit kommen, daß der Unsinn, den sie gelernt haben, ihnen gegen Terroristen dienlich sein wird.

Frage: War es ein bestimmtes Ziel von Dir, ein Autor zu werden oder mehr eine Sache der Umstände?

Loren: Ich bin immer am Schreiben interessiert gewesen. Es war eines von den Dingen – nein, laß uns sagen, die einzige Sache –, in der ich in der Schule glänzte. Ich habe seit über 25 Jahren professionell geschrieben. Ich schrieb viele Zeitschriftenartikel und Bücher in meinem Streifenwagen sitzend während Kaffeepausen. Jetzt mache ich es hauptberuflich. Schreiben ist eine harte Anstrengung, manchmal auch eine einsame, und als solche erfordert es eine Menge an Disziplin. Das Training in den Kampfkünsten in all diesen Jahren hat mir diese Disziplin gegeben. Wie Du siehst, überschneidet sich alles.

Frage: Wie wählst Du ein Thema für Deine Bücher aus?

Loren: Manchmal bekomme ich eine Idee durch etwas, das jemand sagt. Andere Ideen tauchen einfach in meiner kleinen Birne auf, während ich eine meiner schlaflosen Nächte habe. Manchmal waren sie die ganze Zeit über da, aber mußten sich ihren Weg an die Oberfläche erarbeiten. Ich habe über zwei Dutzend Bücher und wahrscheinlich mehrere Hunderte Artikel geschrieben. Die Idee für jeden von diesen kam auf eine andere Art und Weise.

Frage: Kannst Du uns sagen, an welchen Projekten Du zur Zeit arbeitest oder welche Du demnächst herausbringen wirst?

Loren: Ich habe ein paar DVDs über Verteidigungstaktiken, die im März 2002 herauskommen werden. Mir ist gesagt worden, daß sie als Restraint and Control Strategies: State-of-the-Art Defensive Tactics for Law Enforcement and Security Professionals bezeichnet werden sollen. Ich habe ein Buch mit Anekdoten, das im Januar herauskommen wird unter dem Titel Crouching Tiger: Taming the Warrior Within.
Irgendwann im nächsten Jahr werde ich ein elektronisches Buch herausbringen, vorläufig bezeichnet als Crazy Crooks. Ich habe derzeit ein weiteres E-Buch namens Hookers, Tricks and Cops, das bei dem selben Verlag herauskommt.
Ich arbeite im Augenblick an einem Buch mit Lieutenant Colonel Dave Grossman zusammen. Es wird ein Nachfolger zu seinem mit dem Pulitzerpreis nominierten Buch On Killing sein. Dieses ist vorläufig als On Combat betitelt.
Ich arbeite außerdem auch noch an einem Roman.

Frage: Solotraining ist ein wichtiges Thema in Deinen Schriften. Viele Praktiker finden allerdings, daß sie nicht gut ohne einen Partner trainieren können. Wie kamst Du dazu, das Einzeltraining so intensiv zu erforschen?

Loren: Besorge Dir als erstes einmal eine Ausgabe von Solo Training meiner Wenigkeit. Ha, ha, ha, bin ich mies oder was?
Kurz und bündig: Falls das Hinzufügen von einem Training alleine einmal pro Woche hart für Dich ist, dann schau Dich selbst an und nicht so sehr das, was Du tust. Falls Deine geistige Einstellung richtig ist (und trainieren wir diese nicht gleichzeitig mit unseren Körpern?), wird Solotraining Dir eine progressive, wunderbare Trainingseinheit geben.

Frage: In Fighter’s Fact Book machst Du viele Witze und sprichst über peinliche/komische Augenblicke in Deinem Training (und dem anderer Leute). Was würde die komischste Situation sein, der Du jemals begegnet bist?

Loren: Hier ist eine Kriegsgeschichte aus der realen Welt. Ich habe wahrscheinlich etwas von ihr gelernt, obwohl ich mir nicht sicher bin, was.
Während ich im Dienst war, traf ich auf ein Pärchen, daß Sex hatte in den Büschen auf der Böschung hoch oberhalb einer stark befahrenen Autobahn. Ich erkannte sofort, daß die “Frau” überhaupt keine Frau, sondern ein Transsexueller war, der sich seine Brüste gekauft hatte und versuchte, Geld zusammenzubringen für die andere, sehr besondere und nicht mehr umkehrbare Operation.
Da der andere Typ noch nicht die wahre Identität seines Liebhabers mitbekommen hatte, teilte ich ihm dies gerne mit. Er nahm es nicht gut auf. Tatsache war, daß er mich mit heruntergelassener Deckung erwischte, als er einen Baumzweig in mein Gesicht peitschte. In einem Augenblick des totalen Reflexes gab ich ihm einen Handballenstoß auf die Schnauze, der ihn nach hinten warf.
Um dies für eine Sekunde zu verdeutlichen, mußt Du wissen, daß, während er gestanden hatte, seine “Freundin” auf dem Boden geblieben war, mit seinen Füßen zwischen ihren Beinen. Als ich ihm also eine verpaßte und er nach hinten fiel, verfingen sie sich ineinander, und ab ging es die Böschung hinunter.
Er war ohne Hose und Unterhose, sie hatte keine Hose, trug aber Slip und ein Top, als sie herunterrollten, noch immer ineinander verheddert, Hals über Kopf den 20 Meter langen Abhang herunter.
Du konntest erkennen, daß die Berufspendler auf der Autobahn es genossen, denn sie hupten und brüllten aus ihren Fenstern heraus. Ich bemerkte sogar einen Kamerablitz.

Frage: Wenn Du nicht arbeitest oder trainierst, wie verbringst Du gerne Deine Zeit?

Loren: Ich genieße meine Familie, ich bin ein Kinofan, und meine Frau und ich lieben es, eine Vielzahl von ethnischen Restaurants auszuprobieren, von denen es viele hier in Portland gibt.

Frage: Gibt es noch irgend etwas, was Du zum Abschluß dieses Interviews gerne sagen möchtest?

Loren: Laß mich etwas weitergeben, das Professor Remy Presas (der Gründer des Modern Arnis, der kürzlich verstorben ist) mir gesagt hat. Es ist ein einfacher Satz, aber er ist sehr weise:
“Falls Du sehr hart trainierst, wirst Du sehr gut werden.”

Frage: Loren, vielen Dank dafür, daß Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast.


von und mit Loren W. Christensen bieten wir im Onlineshop an:

DVDs:

Masters & Styles

The Brutal Art of Ripping, Poking, and Pressing Vital Targets: The Video

Vital Targets: A Street-Savvy Guide to Targeting the Eyes, Ears, Nose, and Throat

Fighting Dirty: A “No-Sweat” Guide to Hardcore Self-Defense Training

Speed Training: The DVD: Developing Maximum Speed in Martial Arts Training

Restraint & Control Strategies: State-of-the-Art Defensive Tactics for Law Enforcement and Security Professionals

The Fighter’s Video Guide to Hard-Core Heavy Bag Training: The Set