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Interview mit Wim Demeere

Heute haben wir das Vergnügen, Euch ein weiteres aus der Reihe von Interviews mit großen Kampfkünstlern zu präsentieren: mit Wim Demeere.

Wim Demeere begann sein Training in den Kampfkünsten im Alter von 14 Jahren mit Judo und Jujitsu, wechselte aber bald über zu einem traditionellen chinesischen Stil namens Hung Chai Pai. Im Alter von 18 begann er, an chinesischen Vollkontakt-Wettkämpfen namens “Sanda” teilzunehmen. Er errang vier Mal den Belgischen Landesmeistertitel und ein Mal die Bronzemedaille bei den Wushu-Weltmeisterschaften 1993. 1997 fing er mit seinem Training in Praktischem Tai Chi Chuan an. Über die Jahre hinweg hat er einen breiten Bereich an anderen Kampfstilen trainiert, einschließlich Muay Thai, Pentjak Silat und Shoot Fighting. Demeere fing 1994 an, als Personal Trainer zu arbeiten und half seinen Kunden dabei, ihre Ziele in Kampffertigkeiten, sportlicher Leistung und perfekter Gesundheit zu erreichen. Im Laufe der Jahre hat er zahlreiche Bücher und Lehr-DVDs veröffentlicht.

Frage: Wim, danke, daß Du zugestimmt hast, heute mit mir zu sprechen. Dein Lebenslauf erwähnt sowohl Sanda als auch Tai Chi – diese scheinen so, als ob sie gegenseitige Extreme sein würden. Hast Du gefunden, daß es schwierig war, vom einen zum anderen überzugehen?

Wim: Das erinnert mich an ein Interview mit einem chinesischen Meister, der viele verschiedene Stile praktizierte. Die Frage war, wie er es fertigbrachte, sie alle auseinander zu halten, wie er bei seinem Üben nicht die Übersicht verlor. Er antwortete, daß der Trick dabei war, die selbe Sache nicht doppelt zu erlernen.
Ich versuche, mir diesen Ratschlag zu Herzen zu nehmen und trainiere entsprechend. Sanda und Tai Chi haben beide sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Meiner Ansicht nach schließen sie sich nicht gegenseitig aus. Die Schwierigkeit liegt normalerweise darin, diese Gemeinsamkeiten nicht zu sehen. Beide Künste verwenden Schläge, Tritte und Würfe. Die echte Herausforderung ist herauszufinden, wie sie auf unterschiedliche Art und Weise dabei vorgehen und zwischen diesen Methoden zu unterscheiden. Das ist nicht immer so schwarz und weiß, wie Du vielleicht denken magst. Während Du durch Dein Training voranschreitest und ein tieferes Verständnis bekommst, wird es ein wenig einfacher, klar zu unterscheiden, was sie beide einzigartig und unterschiedlich voneinander macht. Nichtsdestoweniger ist es immer eine unfertige Arbeit. Das Lernen endet nie. Aber ich habe festgestellt, daß Du nach einer Weile besser darin wirst.

Frage: Kommt Dein Umgang mit Judo und Jujitsu viel bei dem mit ins Spiel, was Du heute machst?

Wim: Ich hörte vor über zwanzig Jahren mit dem Training in Judo und Jujitsu auf. Also bezweifele ich, daß diese Künste noch immer eine große Rolle in dem spielen, was ich heute mache. Möglicherweise tun sie es, aber ich bemerke es nicht.

Frage: Findest Du, daß Personal Training und Kampfkünste Hand in Hand gehen oder ist dies gewissermaßen ein kleiner Nischenbereich?

Wim: Es hängt wahrscheinlich von Deiner Definition von Personal Training ab. Für mich bedeutet dies Einzelunterricht. Ich habe seit langer Zeit auf diese Weise unterrichtet und habe festgestellt, daß es eine hervorragende Art und Weise des Trainings und des Unterrichtens der Kampfkünste ist. Diese Vorgehensweise ist auch nicht neu. In den chinesischen Künsten ist es absolut normal gewesen, daß Du Deinem Lehrer überall hin gefolgt bist oder in seinem Haus gelebt hast. Auf diese Weise hattest Du Zugang zu einer Menge an direktem Training durch ihn anstatt nur von seinen hochrangigen Schülern. Ich erwarte nun natürlich nicht von Schülern, daß sie mir nachlaufen, ganz zu schweigen davon, mit mir zu leben (meiner Freundin würde das nicht gefallen...), aber diejenigen, die Privatunterricht nehmen, machen normalerweise schnellere Fortschritte.

Frage: Wenn Du mit einem Kunden privaten Einzelunterricht machst, wie verschaffst Du ihnen eine Breite an Erfahrung mit anderen Schülern und Ausbildern abgesehen von Dir selbst? (Ich versuche, meine Einzelschüler dazu zu bringen, zumindest gelegentlich den Gruppenunterricht zu besuchen.)

Wim: Es kommt auf den Schüler drauf an. Einige Leute beginnen ihr Training mit mir. Sie haben null Erfahrung. Ich versuche, ihnen zuerst solide Grundlagen beizubringen und gehe dann schrittweise dazu über, unterschiedliche Arten von Gegnern zu simulieren: schneller, stärker, unterschiedliche Strategien usw. Offensichtlich ist es schwierig für mich, einen kleineren oder größeren Gegner zu simulieren. Es gibt dort also Grenzen bei dem, was Du in dieser Hinsicht machen kannst. Aber ich habe festgestellt, daß es Schülern eine Menge hilft, falls Du deutlich erklärst, was der Zweck ist. Beispielsweise sind bestimmte Würfe für einen großen Kerl nicht interessant, um sie an einem kleineren Gegner auszuprobieren. Sie funktionieren ganz einfach nicht gut. Aber umgekehrt sind sie Gold wert. Ich versuche, auf solch eine Art und Weise zu unterrichten, daß es für den Schüler klar ist, warum er etwas tun muß und gebe ihm Hinweise und Abstufungen bei Techniken an Stelle von blanken Aussagen wie “Mach dies und Du wirst den Typ immer K.o. gehen lassen”. Ich versuche, ihm die Information schrittweise zu geben, während seine Erfahrung und Fertigkeit sich mit der Übung erhöht. Es macht keinen Sinn, ihm etwas zu sagen, daß er nicht versteht, weil er zuerst andere Dinge erfahren haben muß. Das bedeutet nicht, daß ich arrogant oder widerwillig darin bin, Informationen rauszugeben. Es ist bloß der Lernvorgang. Einige Informationen bekommst Du ganz einfach nicht, bevor Du nicht eine bestimmte Zeitlang trainiert hast oder bestimmte Erfahrungen gesammelt hast. Als Lehrer versuchst Du, Deinen Schülern zu helfen, beide davon zu bekommen.
Wenn ich zurückblicke, gab es da reichlich Fälle, in denen ich nicht die vollen Auswirkungen von dem verstand, was meine Lehrer mir unterrichteten. Ich dachte, ich tat es, aber ich hatte unrecht. Ein paar Trainingsjahre später und ich kapiere es jetzt. Gib mit einige weitere Jahre, und ich werde erkennen, daß ich da auch unrecht hatte. Es ist ein niemals endender Vorgang.
Ich ermutige Privatschüler dazu, woanders zu trainieren oder mit anderen zu arbeiten. Aber sie sind nicht immer daran interessiert. Einige Leute ziehen es ganz einfach vor, Gruppen zu meiden. Dann liegt es an mir, “Rollenspiele” zu machen und unterschiedliche Arten von Angreifern zu simulieren, so wie ich zuvor erwähnt habe.

Frage: Neigst Du nun in Deinem Unterrichten eher dazu, die körperliche Entwicklung oder Technik stärker zu betonen oder eher die spirituelle/psychologische? Ich habe festgestellt, daß ich in meinen Unterrichten früher immer stark die Technik hervorhob, zusammen mit vielleicht ein wenig an körperlicher Entwicklung, aber in letzter Zeit bin ich mehr zu einem technisch-psychologischen Lehrer geworden.

Wim: Ich betrachte es nicht als “entweder oder”. Wenn ich unterrichte, versuche ich, mein Vorgehen in Abschnitte aufzuteilen und gebe dem Schüler das, nach was er bei einem Lehrer Ausschau hält. Falls er an Wettkämpfen teilnehmen möchte, wird er eine Menge an Zeit mit Konditionstraining und Technik verbringen müssen. Die spirituelle Seite wird weniger wichtig sein als die psychologische. Aber bei einem Schüler, der danach Ausschau hält, einige grundlegende Selbstverteidigungsfertigkeiten zu entwickeln, ist die Geisteshaltung wichtiger als die Technik. Es kommt also auf die Menschen, mit denen ich arbeite, drauf an. Nichtsdestoweniger habe ich in meinem Unterricht eine bestimmte Reihe an Richtlinien, was das Unterrichten betrifft. Bestimmte Dinge sind für jeden wichtig, beispielsweise nicht Übungen zu machen, die bleibende Schäden verursachen können oder zu erlernen, Deine Techniken zu kontrollieren. Unabhängig von Deinen Trainingszielen wirst Du Dich auf diese beiden konzentrieren müssen, neben einer ganzen Reihe von anderen.
Aber in der Vergangenheit habe ich es anders gesehen: Ich unterrichtete auf die Art und Weise, in der ich trainierte. Es dauerte eine Zeitlang, um zu akzeptieren, daß nicht jeder beim Training so engagiert ist wie ich es bin. Sie sollten es auch nicht sein. Wir alle haben unsere persönlichen Ziele und Motivation, wenn wir trainieren. Aber wichtiger ist, daß es ein Leben außerhalb der Künste gibt. Für viele Menschen kommt dies zuerst, und das ist auch richtig so. Ich würde falsch liegen, von ihnen zu erwarten, so zu trainieren wie ein Profi-Wettkämpfer. Nur weil ein Schüler nicht so viel oder so intensiv trainieren möchte wie ich es tue, bedeutet nicht, daß ich ihn nicht unterrichten kann. Es bedeutet nur, daß er den Fortschritt, den er machen wird, einschränkt. Einige Schüler erkennen das und akzeptieren es entweder oder sie strengen sich härter an. So oder so ist es meine Aufgabe als ein Lehrer, ihnen zu helfen, das beste aus ihren Fähigkeiten zu machen.

Frage: Abgesehen davon, bloß eine Menge an inhaltspezifischer Kampfkunsterfahrung angesammelt zu haben, aber wie bist Du dazu gekommen, einen internationalen Seminarkreislauf begonnen zu haben?

Wim: Meinst Du, wie ich damit anfing, in Übersee zu unterrichten?

Frage: Ja, wie hast Du damit angefangen, einen Kundenstamm an Leuten aufzubauen und Unterrichte außerhalb Deines örtlichen Gegend zu geben?

Wim: Dies kam alles ganz natürlich. Mein erster Lehrer bat mich, Unterrichte für ihn zu übernehmen, und so habe ich damit angefangen. Eine Weile danach wollte er, daß ich alle Unterrichtsklassen übernehme, und plötzlich fingen die Leute damit an, mich nach Privatunterrichten zu fragen. Mundpropaganda tat ein übriges, und ich begann, berufsmäßig zu unterrichten. Ich bin sehr glücklich, daß mein Hobby und meine Leidenschaft zu meinem Job wurden.
Die Seminare in Übersee kamen ebenfalls auf natürliche Weise. Ich traf einige großartige Leute, als ich in ihren Ländern war und wir schlossen Freundschaft. Offensichtlich hinterließ ich einen guten Eindruck, denn sie baten mich, herüberzukommen und Lehrgänge abzuhalten. In anderen Fällen ging ich zu einem Treffen von Kampfkünstlern und Selbstverteidigungspraktikern und hielt dort ein paar Unterrichte ab. Eine Sache führte zur nächsten, und weitere Seminare kamen dabei heraus. Der gemeinsame Faktor sind die Menschen, die ich traf. Sie wurden zu Freunden, und ich genieße es immer, in ihre Schulen zu gehen und dort zu unterrichten. Die Seminare sind großartig, aber die Leute zu sehen, mit denen ich es genieße, Zeit zu verbringen, ist noch viel besser.

Frage: Bis zu welchem Grad spielen die traditionellen Künste, die Du trainierst, eine Rolle bei Deinen Unterrichten in Selbstverteidigung, und zu welchem Grad ist die Selbstverteidigung ihre eigene Domäne, die von den traditionellen Kampfkünsten getrennt ist?

Wim: Traditionelle Stile haben im Laufe der Jahre einen schlechten Ruf bekommen. Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich, warum, aber der Ruf ist dennoch nicht gerechtfertigt. Jeder halbwegs anständige traditionelle Stil besitzt solide Selbstverteidigungstechniken. Beachte, daß ich “anständig” gesagt habe. Nur um das deutlich zu machen, diese Einschränkung bezieht sich auf die Lehrer und nicht auf den Stil selbst. Falls der Lehrer nicht weiß, wie man die Techniken anwendet, dann ist das nicht die Schuld des Stils. Es bedeutet nur, daß diese bestimmte Person die Dinge nicht korrekt erlernt hat oder seinen eigenen Lehrer falsch verstanden hat.
Es ist das alte Klischee darüber, welche Kunst besser ist. Es war immer so, daß Leute fragten, ob ein Boxer einen Karateka besiegen würde. Vor 50 Jahren war es Judo, über das sich die Leute wunderten. Heutzutage sind MMA (Mixed Martial Arts) die große Sache, und jeder andere Stil wird mit dem Käfigkämpfen verglichen. Aber das ist so, als ob man Äpfel mit Orangen vergleicht. Kampfkünste sind sehr kontextabhängig und speziell. Nimm sie aus ihrem Zusammenhang heraus, bring sie in einen anderen, und ihre Wirksamkeit verändert sich. Einige Künste werden in dem neuen Bereich gut abschneiden, andere nicht. Probiere mal Muay Thai-Techniken aus, wenn Du auf Eis stehst oder rutschige Schuhe anhast. Versuche mal Brazilian Jujitsu-Armhebel gegen mehrere Gegner. Beide Künste sind auf ihrem eigenen Gebiet großartig, aber weniger gut in anderen. Das bedeutet nicht, daß sie nutzlos sind oder daß es da keine stilübergreifend anwendbaren Techniken von einem Kontext zum anderen gibt. Aber so wie der chinesische Meister sagte, mußt Du unterscheiden zwischen den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden. Und wie ein wirklich kluger Kampfkünstler einst sagte: Die Unterschiede sind genauso wichtig wie die Übereinstimmungen.
Das ist ein bißchen viel Gerede, aber es beantwortet Deine Frage zum Teil. Ich persönlich verwende viele sogenannte traditionelle Techniken für die Selbstverteidigung und unterrichte sie als solche. Aber das ist ebenfalls nichts neues. Auf das Risiko hin, noch mehr geschwollen daherzureden, schulden die Reality Based Self Defense (RSBD)-Systeme dem Wissen von Fairbairn und Sykes und ihrem Defendu-System großen Dank. Viele RBSD-Lehrer werden diese beiden Männern öffentlich als Wegbereiter für “reale” Selbstverteidigung anerkennen. Aber wo haben diese ihre Techniken herbekommen? Von einer Vielzahl an Kampfstilen, tatsächlicher Erfahrung und persönlichem Training, welches Jujitsu und chinesische Künste beinhaltete. Also nahmen sie Techniken von traditionellen Künsten und paßten sie ihren Bedürfnissen an, während sie für die Polizeikräfte in Shanghai arbeiteten. Wenn Du Dir den Defendu-Lehrplan anschaust, wirst Du Techniken sehen, die in den meisten traditionellen Systemen zu finden sind. Das ist der Grund dafür, warum ich finde, daß traditionelle Stile und Selbstverteidigung nicht notwendigerweise voneinander getrennt sind. Falls Du einen guten Lehrer findest, wird er Dich genauso zu einem wirkungsvollen Kämpfer machen wie diese Pioniere des Nahkampfs es taten.

Frage: Nochmals vielen Dank dafür, daß Du Dir Zeit für uns genommen hast, Wim. Ich habe eine Menge an großartigem Material aus diesem Interview mitgenommen, über das ich nachdenken werde, insbesondere den Teil über den Einzelunterricht. Ich weiß, daß auch meine Leser dies Material mögen werden!


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